Wismut-Zeitzeugenprojekt bei Klaus Pönicke, Foto: Judith Schein

Sprechen über die Wismut heute

„Wismut-Erbe-Forschung“ stellte Projektergebnisse vor

1947 wurde die Wismut AG auf Grundlage eines Beschlusses des Ministerrates der UdSSR mit dem Ziel der Uranerzgewinnung in der Sowjetischen Besatzungszone in Deutschland gegründet. Bis zur Wende 1990 förderten die Wismut-Unternehmen SAG und SDAG Uranerz in Sachsen und Thüringen und haben damit eine ganze Region stark geprägt.

Ende 2019 wurde das Vorhaben „Wismut-Erbe-Forschung“ gestartet und die Bundesländer Sachsen und Thüringen übertrugen das Projekt der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Wismut GmbH, die seit Anfang der 1990er Jahre mit der Sanierung und Renaturierung der Hinterlassenschaften ihrer Vorgängerin betraut ist, bezuschusste das Forschungsprojekt.

Im Rahmen des Wismut-Erbe-Zeitzeugen-Projektes wurden 50 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, deren Leben durch den Uranerzbergbau der S(D)AG Wismut sowie durch die Sanierungs- und Renaturierungsarbeiten der Wismut GmbH geprägt wurden, von einem Team um Umwelthistorikerin und Projektleiterin Dr. Astrid Mignon Kirchhof interviewt. Um die unterschiedlichen Erinnerungen an den Wismut-Komplex möglichst divers abbilden zu können, wurden nicht nur Frauen und Männern unterschiedlicher Wismut-Berufssparten befragt. Auch sowjetische Mitarbeiter oder Personen, die nicht bei der Wismut gearbeitet hatten, aber von dem Bergbaubetrieb betroffen waren, wie Anwohner oder Kinder von Wismut-Arbeitskräften, konnten zu den Verwobenheiten ihrer Lebensgeschichten mit der Wismut Auskunft geben.

Überraschend, so Dr. Kirchhof, seien die größtenteils positiven Erinnerungen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Entgegen ihrer Erwartung, dass mit der Wismut verknüpfte Themen wie Umwelt oder Krankheit ausführlicher besprochen würden, dominierte die Erzählung vom fürsorglichen Arbeitgeber, der Wohlstand und Privilegien in die Region gebracht habe. Auch sei vor allem bei männlichen Zeitzeugen eine hohe Identifizierung mit „Heimat und Uran“ festzustellen.1 Ähnlich verhält sich mit den Erzählungen zur Wende- und Transformationszeit. So sei die Zäsur von 1989/1990 unter den Interviewten weniger stark wahrgenommen worden als bislang von der Geschichtswissenschaft angenommen, und unterscheide sich damit von vorherrschenden Narrativen zur DDR-Geschichte.2

Die Gründe dieser bemerkenswerten Tendenzen zu ermitteln, dürfte die Forschung in Zukunft beschäftigen. Ebenso wie das Thema Frauen in der Wismut, die oft von emanzipatorischen Momenten innerhalb ihrer Arbeitszeit berichteten. Der Grundstein für weitere spannende Forschungsfragen zur Wismut-Geschichte ist gelegt.

 

Weiterführende Links

Die Projektergebnisse sind hier abrufbar: https://wismut.saw-leipzig.de/home

Die Zeitzeugen-Interviews sind hier abrufbar: https://wismut.saw-leipzig.de/media-center

Projektblog „Urangeschichten“ des Wismut-Erbe-Zeitzeugenprojekts: https://wismut.hypotheses.org/

 


1Vgl. Schade, Hartmut, Geheimsache Wismut. Zeitzeugenprojekt, MDR Zeitreise, 1.5.2021, online abzurufen unter: www.mdr.de/zeitreise/wismut-erbe-uranbergbau-geologie-kunstsammlung-akademie-100.html

2Prof. Dr. Martin Sabrow auf der Veranstaltung „Immer noch Geheimsache? Sprechen über die Wismut heute“, Mittweida, Leipzig, 29.4.2021, online abzurufen unter: youtu.be/5hern1B-uPs, TC: 1:26:40.

 

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